Alltag in Corona-Zeiten

Einkaufen für ein Wohnheim: "Körperlich und mental eine Herausforderung"

Das Corona-Virus stellt unseren Alltag auf den Kopf. Besonders für Menschen mit Behinderungen, die in den Wohnheimen und Wohngruppen der Lebenshilfe Nienburg zuhause sind, ist die Pandemie eine besondere Herausforderung. Aber auch für die Beschäftigten der Lebenshilfe Nienburg.

„Normalerweise“, sagt Teilhabeassistent Marcin Binieda, „gehen die meisten unserer Bewohner selbst einkaufen. Das sollen sie jetzt aber nicht mehr.“ Also absolvieren Binieda und seine Kolleginnen und Kollegen regelmäßig Großeinkäufe. Die Lebenshilfe Nienburg hat sieben Wohngruppen und drei Wohnheime – von der kleinen Dreier-WG bis zu Einrichtungen wie denen an der Ernstingstraße in Nienburg oder am Sünkenberg in Stolzenau.

Ein Einkauf für ein komplettes Wohnheim ist körperlich eine Herausforderung, man muss gut organisieren und packen können und es kostet Zeit: „Heute war ich zweieinhalb Stunden unterwegs“, sagt Binieda, denn er hat den Anspruch, keine Kasernen-Einheitsverpflegung auf den Tisch zu bringen, sondern die Wünsche aller Bewohnerinnen und Bewohner so gut es geht zu berücksichtigen. Schließlich würden sie ja gerne für sich selbst sorgen – sie können es nur nicht mehr.

Wer für ein Wohnheim einkauft, braucht ein ausgeglichenes Gemüt

Dass er sich in Corona-Zeiten keine Freunde macht, wenn er einen übervollen Einkaufswagen durch die Gänge bugsiert, war Binieda früh klar. „Ich habe mit verschiedenen Marktleitern gesprochen, um sicherzustellen, dass wir so viel einkaufen können, wie eben nötig ist.” Trotzdem braucht der Teilhabeassistent beim Einkauf ein ausgeglichenes Gemüt. „Es herrscht ja eine besondere Atmosphäre. Man geht sich aus dem Weg, es wird nicht geredet. Aber so im Vorbeigehen gibt’s dann schon leichte verbale Entgleisungen von anderen Kunden.“ Binieda hat dafür Verständnis: „Bei mir steht ja nicht auf der Stirn, dass ich für ein ganzes Wohnheim einkaufe.“

Einmal hatte er unter anderem drei Tüten Nudeln aufs Band gelegt. Die Kassiererin nahm eine weg: „Sie kriegen nur zwei Tüten.“ Er erklärte ihr, warum er so viele Nudeln kauft. „Da warf sie die dritte Tüte wieder aufs Band: ,Na gut, da haben Sie es.“ Offenbar habe die Mitarbeiterin seine Geschichte für eine gute Ausrede gehalten, man weiß es nicht.

Großeinkauf für eine Wohngruppe der Lebenshilfe Nienburg.
In diesen Wochen eine Herausforderung.

„Das Miteinander ist für unsere Bewohner entscheidend“

Die praktische Bewältigung von Einkauf und Verpflegung sei aber nur ein Teil der Herausforderungen. Für die Menschen mit Behinderungen, die bei der Lebenshilfe Nienburg wohnen, geht es auch um den Tagesablauf, erklärt Marcin Binieda: „Unsere Werkstätten sind zu. Das heißt, unsere Bewohner können nicht mehr zur Arbeit. Und sie können auch nicht einkaufen gehen. Das ist für sie wirklich übel!“

„Das Miteinander ist für unsere Bewohner entscheidend“, betont Einrichtungsleiter Bernd Sandmann. Und das nicht nur, um die Corona-Krise zu bewältigen. Er beschreibt es als „fordernd“ für die Beschäftigten der Lebenshilfe Nienburg, Menschen mit kognitiven Einschränkungen unter diesen Voraussetzungen zu helfen, den Tag sinnvoll zu gestalten. In der Wohngruppe am Berliner Ring wird beispielsweise viel gebastelt; außerdem wird Gemüse angebaut. Im Wohnheim Ernstingstraße bauen und bepflanzen die Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam Hochbeete.

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