Lebenshilfen brauchen dringend Perspektiven

CDU-Landtagsabgeordnete suchen nach Lösungen in der Krise

Nach einem vorangegangenen Besuch in den Werkstätten der Lebenshilfe in Nienburg trafen sich am Mittwoch der vergangenen Woche Geschäftsführer Frank Ruthenkolk und Prokuristin Ines Brügesch am Rande des Landtagsplenums mit dem heimischen Abgeordneten Dr. Frank Schmädeke und Volker Meyer (beide CDU), dem sozialpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion zu einem Austausch in Hannover. „Ich bin froh, dass wir uns so schnell zusammenfinden konnten, um die drängenden Probleme der Lebenshilfe zu besprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen!“ freut sich Dr. Frank Schmädeke über den Besuch. Vorangegangen war ein Treffen des Abgeordneten in den Werkstätten der Lebenshilfe Nienburg. Dort hatten Ruthenkolk, Brügesch und Geschäftsbereichsleiter Ahnefeld eindringlich über die aktuelle Situation berichtet. Über die Herausforderungen des Wiedereinstiegs für den Mitarbeitenden und Bewohnenden nach dem Shutdown im März, die hohen negativen finanziellen Auswirkungen und den unglaublichen bürokratischen Aufwand, der derzeit betrieben werden muss.

Bei einem Rundgang durch die Werkstätten, die jetzt zum Teil wieder mit der Hälfte der Menschen mit Beeinträchtigung arbeiten, konnte Schmädeke sich einen Eindruck vom Betrieb unter Corona-Hygienemaßnahmen machen. „Unter dieser Situation leidet natürlich die Arbeit,“ betont Geschäftsführer Ruthenkolk. „Durch die Abstandsregeln geht erheblich Platz verloren und eine geplante Beschäftigung von Dreiviertel des Klientels ist kaum möglich“.

Trafen sich zum Austausch im Niedersächsischen Landtag (v.li): MdL Volker Meyer, Lebenshilfe-Prokuristin Ines Brügesch, Lebenshilfe-Geschäftsführer Frank Ruthenkolk, Dr. Frank Schmädeke.
(Foto: Büro Schmädeke)

An sieben Werkstatt-Standorten sind normalerweise 750 Menschen mit Beeinträchtigungen für die regionale Industrie tätig. „Hier am Standort Schäferhof kann maximal an der Hälfte der Plätze gearbeitet werden, auch in der nächsten Stufe bei 75 % können nicht alle arbeiten“, so Ruthenkolk. Im Speisesaal mit jetzt ca. 20 statt der sonst üblichen 80 Plätze gäbe es Probleme bei der Versorgung der Mitarbeitenden mit den nötigen Mahlzeiten. Was allerdings noch viel schwerer wiegt seien die durch den ungewohnten Schichtbetrieb und ständige Änderungen der Ansprechpartner sehr verunsicherten und teilweise orientierungslosen Mitarbeitenden in den Werkstätten. „Das ist eine hohe Belastung für die Menschen hier!“ betont Ines Brügesch.

In der Diskussion mit Geschäftsführer Frank Ruthenkolk, Prokuristin Ines Brügesch und Geschäftsbereichsleiter Detlef Ahnefeld wurden die finanziellen Probleme und die psychischen Auswirkungen auf die Mitarbeitenden erörtert. Das Land ersetzt zurzeit nicht in vollem Umfang die benötigten Leistungsaufwendungen. Nicht ohne Neid schauen die Nienburger dabei nach Nordrhein-Westfalen, denn dort stehe, so Ruthenkolk, die Landesregierungen den Einrichtungsträgern mit 100 % zur Seite. „Dazu kommt, dass wir nicht mehr alle Lieferverpflichtungen erfüllen können, da nur ein Teil der Mitarbeitenden vor Ort ist“, bedauert Ruthenkolk. Das werde für das Unternehmen insgesamt Mindereinnahmen von ca. 60 % pro Monat zur Folge haben. Was dem Geschäftsführer aber schlaflose Nächte bereitet, sei die Ankündigung einiger Auftraggeber, unter diesen Umständen die Aufträge auf Dauer zu kündigen.

„Wir müssen in Niedersachen darüber hinaus in einem komplizierten und umfangreichen Antragsverfahren die monatlichen Zuschüsse des Landes beantragen“, erklärt Brügesch. Dabei stoße das Team an seine Grenzen, denn der gesamte Umfang an Anträgen muss monatlich neu erstellt und mit Angaben zu jeder Einzelperson versehen werden. „Das sind in unserem Unternehmen immerhin 500 Personalkräfte und 750 Mitarbeitende, die zu bearbeiten sind“.

Wirklich zu schaffen machen den Verantwortlichen jedoch vor allem die psychischen Auswirkungen auf jeden der 750 Mitarbeitenden der Lebenshilfe. „Von 100 % Beschäftigung und Betreuung sind alle in ein Loch von 0 % Beschäftigung und sozialer Kontakte gefallen“, beschreibt Ruthenkolk die schwierigen Umstände. Viele hätten in den letzten drei Monaten ihren Tagesablauf verloren und müssten neu aufgebaut werden. Sorgen mache sich die Geschäftsleitung vor allem um die geschätzten 10 % der Mitarbeitenden, die bisher nicht wiederkommen und sich selbst überlassen sind. Vielfältige menschliche Beziehungen, die durch die Arbeitswelt, Freunde und Betreuer jahrelang eine Konstante waren, sind verloren gegangen.

Beim Treffen in Hannover bestätigt MdL Volker Meyer diese Einschätzungen aus seinen Gesprächen mit der Diepholzer Lebenshilfe, deren Aufsichtsratsmitglied er ist. „Es ist dringend notwendig im Bereich der Lebenshilfen den Betrieb wieder aufzunehmen, um die psychischen Auswirkungen einzudämmen und den finanziellen Verlust auszugleichen“ resümiert Volker Meyer nach dem Gespräch und ist sich mit Frank Schmädeke einig, dass es eine besondere Verantwortung für die Menschen gibt, die durch die Lebenshilfen betreut und beschäftigt werden. „Dieser Verantwortung müssen wir uns stellen und schnell etwas ändern, damit auch dort Zukunftsaussichten möglich werden, die den Erhalt dieser wichtigen Einrichtungen sichern und dafür sorgen, dass nicht die Schwächsten in der Gesellschaft zu den Verlierern der Corona-Krise werden“.

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