„Nicht der Mensch soll sich der Arbeit anpassen – die Arbeit muss zum Menschen passen!“

17.12.2018

Vom Zivi zum Chef: Bernd Cordes arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei der Lebenshilfe Nienburg gGmbH

Wenn jemand in Zeiten des Fachkräftemangels seinem Arbeitgeber über 30 Jahre lang die Treue hält, gibt es dafür wohl nur einen Grund: Die Arbeit macht Spaß. Auf Bernd Cordes trifft das in jedem Fall zu. Mit seinem Werdegang vom Zivi zum Werkstattleiter legte der 51-Jährige bei der Lebenshilfe Nienburg gGmbH eine Bilderbuchkarriere hin. Doch entscheidend ist für ihn die Mischung aus Wirtschaftskraft und Menschlichkeit, mit der der Sozialdienstleister seinen Ruf erworben hat – gerade in einer Zeit, in der es in immer mehr Unternehmen allein um Gewinnmaximierung zu gehen scheint.


Als Werkstattleiter führt Bernd Cordes ein Team von insgesamt knapp 200 Mitarbeitenden. Seine Mannschaft zeigt, dass Menschen mit Behinderungen ihren Beitrag für den Erfolg des Wirtschaftsstandortes Deutschland leisten können, wenn sie die passende Unterstützung und Begleitung bekommen.


Da liegt, sagt Bernd Cordes, ein Knackpunkt seiner Arbeit: „Meist läuft das doch so: Man sucht sich als Unternehmer die Leute, die man für die Arbeit braucht und der Rest kann gehen. Der Mensch muss zur Arbeit passen, sonst hat er keine Chance. Bei uns ist das genau anders herum: Hier gucken wir: Wer kann was am besten und wie können wir diesen Menschen über seine Arbeit immer weiter fördern, bis er vielleicht eines Tages den Staplerschein macht, in ein Partnerunternehmen wechselt oder auf den ersten Arbeitsmarkt geht!“


Dass er sein Berufsleben der Unterstützung von Menschen mit Behinderungen widmen würde, war keineswegs abzusehen. Das kam mehr durch Zufall: „Ich habe bei einer Tischlerei in Nienburg gelernt, und die hat damals Arbeiten für den heilpädagogischen Kindergarten der Lebenshilfe Nienburg gGmbH in Leeseringen ausgeführt. So kam ich mit der Lebenshilfe Nienburg gGmbH in Kontakt“, erinnert sich der heutige „Chef“ der Werkstatt am Forstweg. „Mir hat das da unheimlich gut gefallen. Tolles Klima und auch der Kontakt mit den Kindern hat viel Spaß gemacht.“


Nach der Lehre ging es – das war seinerzeit für Männer noch Pflicht – zum Bund. Es sei denn, man wollte den Kriegsdienst verweigern. „Da musste man einen ausführlichen Antrag stellen und die Verweigerung gut begründen. Wenn man Glück hatte, konnte man Zivi werden.“


Bernd Cordes hatte Glück. Angeregt durch die damalige Leiterin des heilpädagogischen Kindergartens in Leeseringen bewarb sich Bernd Cordes 1987 als Zivildienstleistender bei der Lebenshilfe Nienburg gGmbH, wurde genommen – und blieb da. „Die Arbeit mit den Kindern hat absolut Spaß gemacht! Da habe ich gleich nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger drangehängt.“


1992 wurde der Tischler Gruppenleiter, ein halbes Jahr später schon Abteilungsleiter. Parallel dazu machte Bernd Cordes seinen Meister. Er durfte die Ausstattung der Tischlerei nutzen, um sein Meisterstück zu schaffen – einen zwei Meter hohen Vitrinenschrank.


Solche Einzelstücke werden in den Werkstätten normalerweise nicht gefertigt. Meist geht es um große Stückzahlen, um Aufträge aus Gewerbe und Industrie. Denn die Arbeit für Wirtschaftsunternehmen ist in erster Linie das Vehikel, um Menschen mit Behinderungen zu fördern und ihnen zugleich die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – und das ist eben auch das Arbeitsleben – zu ermöglichen.


Allerdings steckt mehr dahinter: „Natürlich müssen wir vor allem gute Arbeit machen. Sonst würden uns die Unternehmen ja nicht beauftragen.“ Und: Die Lebenshilfe Nienburg gGmbH bekommt für ihre Unterstützung und Förderung von Menschen mit Handicap von den Kostenträgern einen festen Satz. Darin ist aber nicht der Arbeitslohn für die behinderten Mitarbeitenden enthalten. „Den müssen wir, über unsere Zusammenarbeit mit den Unternehmen, selbst erwirtschaften“, stellt Bernd Cordes klar. „Auch das würde nicht funktionieren, wenn unsere Arbeit nicht gut wäre.“


Die Werkstatt hat namhafte Kunden auf der Liste, so den Baumarktlieferanten Hettich, den Dachentwässerungs-Spezialisten Marley oder die Firma Honsel, die sich auf Befestigungselemente für Solarpanels spezialisiert hat. Blickt man auf die anderen Werkstätten der Lebenshilfe Nienburg gGmbH, setzt sich die Liste fort: Sennheiser, BASF oder frischli sind dabei, viele schon seit etlichen Jahren.


Manche Arbeiten sind hoch speziell oder erfordern absolute Diskretion. Viele Aufträge würden ohne die Lebenshilfe Nienburg gGmbH wohl ins Ausland verlagert. Das hat vor Jahren schon die heutige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen erkannt, als sie – damals Ministerin in Niedersachsen – die Lebenshilfe Nienburg gGmbH auf der Hannover-Messe als „Werkbank für den Mittelstand“ würdigte. Bernd Cordes ist stolz auf den guten Ruf „seines“ Unternehmens: „Wir verstehen uns als Partner für Industrie und Gewerbe!“ Und stolz sind auch seine Mitarbeiter mit Handicap, die es oftmals als hohe Auszeichnung verstehen, für große deutsche Unternehmen zu arbeiten.


Manche seiner heutigen Mitarbeiter kennt Bernd Cordes schon seit seinen Tagen als Zivi. Daniel Biehler zum Beispiel. „Daniel war damals fünf Jahre alt und ging in den Kindergarten in Leeseringen!“ Heute gehört der 36-Jährige zum ,Stammpersonal‘ in Bernd Cordes‘ Werkstatt. Was keineswegs selbstverständlich ist: „Unsere Mitarbeiter mit Behinderung haben ja ein Wunsch- und Wahlrecht, wo im Unternehmen sie arbeiten wollen. Natürlich muss das realistisch sein, aber grundsätzlich ist die Palette breit gefächert, von der Kfz-Aufbereitung bis zum ,Lespresso‘. Dass Daniel sich bei mir wohlfühlt, ist also auch ein Kompliment für mich!“


Bernd Cordes und Daniel Biehler


Stichwort „wohlfühlen“: Für die meisten Menschen mit Behinderungen ist die Lebenshilfe Nienburg gGmbH mehr als ein Arbeitgeber. „Wir sind der Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens“, weiß Bernd Cordes. Das zeigt sich gerade auch bei den Senioren: Viele der Männer und Frauen, die der 51-Jährige vor 30 Jahren kennenlernte, sind längst im Ruhestand. Trotzdem kommen die meisten immer noch jeden Tag in die Werkstatt: Dort sind die Kollegen, dort ist man nicht allein. „Für unsere Senioren bieten wir ein eigenes Programm. Da geht es natürlich nicht mehr um die Arbeit, sondern um Teilhabe, um soziale Kontakte und aktives Leben.“

Auch das – die direkte Einbindung der ex-Kollegen ins betriebliche Leben – ist für die allermeisten Unternehmen eher ungewöhnlich. Und gerade darin liegt für Bernd Cordes der besondere Reiz seiner Arbeit: „Wir müssen uns am Markt bewähren und müssen das über unsere primäre Aufgabe – die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben – erreichen. Das ist enorm spannend. Eine wirklich tolle Arbeit!“

 
 
 

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